Lesen Sie hier die aktuelle Perspektiven des Economic Research Teams von Swiss Life Asset Managers.
Diese Perspektiven vereint Einschätzungen verschiedener Expertinnen und Experten von SL Asset Management für die globale Konjunktur. (Redaktionsschluss 25.08.2026).
Kernaussagen
- USA: Der Anstieg der Langfristzinsen widerspiegelt fiskalische Sorgen und belastet den Häusermarkt
- Deutschland: Unerwartet starke Exporte treiben das Wachstum
- Frankreich: verbesserte Stimmung in der Industrie
- Schweiz: stärkstes Quartalswachstum seit 2021
- Vereinigtes Königreich: Soldies BIP-Wachstum im zweiten Quartal, aber Abschwächung erwartet
- China: Der Hightech-Boom kann die Schwäche der chinesischen Wirtschaft derzeit nicht kompensieren
Grafik des Monats
In den letzten Wochen war es in Europa besonders heiss, während die Niederschlagsmenge gering war. Der vielbeachtete Pegelstand des Rheins bei Kaub fiel Mitte August kurzzeitig unter zehn Zentimeter, wodurch der Güterverkehr auf dem Rhein weitgehend zum Erliegen kam. Dies löste insbesondere Sorgen um die deutsche Chemieindustrie aus, die stark vom Transportweg Rhein abhängig ist, und trieb die Treibstoffpreise vorübergehend nach oben. Inzwischen hat sich die Situation etwas entspannt. Die europäischen Einkaufsmanagerindizes für die Industrie signalisieren dennoch keine Abschwächung. Im August zeichneten sie vielmehr ein robustes Bild, auch in Deutschland.
USA: Das Wachstum ist breiter abgestützt
Fiskalische Sorgen haben zugenommen
Auch wenn die US-Leitzinsen im laufenden Jahr stabil blieben, sind die US-Finanzbedingungen insgesamt etwas lockerer geworden. Dazu haben der Aktienmarktboom und jüngst der schwächere USD beigetragen.
Eine Ausnahme ist der Anstieg der Langfristzinsen, was die Finanzbedingung im US-Hypothekarmarkt
dieses Jahr deutlich gestrafft hat. Der Zinssatz einer 30-jährigen Hypothek, des Standardvehikels zur Finanzierung einer US-Immobilie, ist auf 6.7% angestiegen. Die Häusermarktdaten in den USA bleiben entsprechend schwach, und die hohen Zinsen sind für die Regierung auch eine politische Hypothek. Der Anstieg der Langfristzinsen reflektiert weniger Inflationssorgen als vielmehr steigende Realzinsen aufgrund der prekären Fiskalsituation, weshalb die Geldpolitik wenig ausrichten kann. Der US-Finanzminister versucht mittels Rückkaufs von langfristigen Obligationen, finanziert durch Emission kurzlaufender Anleihen, die Langfristzinsen zu begrenzen. Dies schafft bestenfalls kurzfristige Linderung, löst aber das Problem der strukturellen Defizite nicht. Die Fiskalsituation verschärft sich temporär aufgrund von Rückforderungen der widerrechtlich erhobenen Zölle (siehe Grafik). Auch bei den kommen den Zwischenwahlen gibt es unseres Erachtens kein realistisches politisches Szenario, das zu einer strafferen Fiskalpolitik führen würde, was eine entsprechende Risikoprämie bei US-Staatsobligationen rechtfertigt.
Abwartende Haltung der US-Notenbank
Die Gesamt- und die Kerninflation sind im Juli weiter zurückgegangen, auf 3.4% respektive 2.5%. Damit
liegen die Werte zwar über dem 2%-Ziel der Notenbank, aber die Dynamik der letzten drei Monate war wohl genügend schwach, dass die US-Notenbank die Leitzinsen unverändert lässt und zuerst den Ausgang von
methodologischen Änderungen der Inflationszahlen, das Ergebnis der eingesetzten Arbeitsgruppen sowie die weitere geopolitische Entwicklung abwartet.
Gaspreise wieder im Fokus
Die Energiesituation bleibt angespannt. Die europäischen Gasspeicherbestände sind infolge der Auswirkungen des Irankriegs und des verschärften globalen Wettbewerbs auf den tiefsten Sommerstand seit fast zwei Jahrzehnten gefallen. Gleichzeitig haben die Gaspreise erneut angezogen. Entscheidend ist nun, wie stark diese Entwicklung die Inflation in der Eurozone beeinflusst. Die Energiekomponente des Eurozonen-Inflationsindex entwickelt sich je nach Mitgliedstaat sehr unterschiedlich, sowohl hinsichtlich der Geschwindigkeit als auch des Ausmasses der Weitergabe höherer Energiepreise. Gründe dafür sind Unterschiede im Energiemix, bei den regulatorischen Rahmenbedingungen, den Tarifstrukturen sowie den staatlichen Eingriffen. In Spanien schlagen höhere Grosshandelsgaspreise nahezu unmittelbar auf die Konsumentenpreise durch. Deshalb verzeichnet das Land unter den vier grössten Volkswirtschaften der Eurozone mit 10.1% im Juli die höchste Energieinflation. In Deutschland wirken sich Preisänderungen dagegen erst mit deutlicher Verzögerung aus, da Versorger Gas und Strom häufig über Terminverträge der vergangenen zwölf bis 24 Monate beschaffen. Aufgrund des jüngsten Anstiegs der Gaspreise haben wir unsere Prognose für die Energieinflation leicht angehoben und damit auch unsere Inflationsprognose für dieses Jahr nach oben revidiert. Für 2027 erwarten wir jedoch weiterhin eine deutlich tiefere Inflation als der Konsens, da wir von ausbleibenden signifikanten Zweitrundeneffekten ausgehen.
Industrie signalisiert Resilienz
Trotz höherer Energiepreise deutet der Einkaufsmanagerindex für die Industrie nicht auf eine Eintrübung der Stimmung hin. Im Gegenteil: Er stieg im August deutlich an. Positiv ist zudem, dass die Verbesserung breit abgestützt ist und sich über mehrere Subkomponenten erstreckt.
Stärkstes BIP-Wachstum seit 2021
Gemäss der Schnellschätzung für das reale BIP der Schweiz («Flash‑BIP ») des SECO (Staatssekretariat für Wirtschaft) dürfte die Schweizer Wirtschaft im zweiten Quartal 2026 um 1.5% gewachsen sein. Damit fiel das Wachstum weit stärker aus als erwartet. Die vorliegende Schätzung des SECO ist Ergebnis experimenteller Statistik anhand verfügbarer Daten auf der Produktionsseite. Sie sagt also etwas aus über die Quelle des Wachstums, welche vor allem im starken Anstieg der Produktion in der Chemie und Pharmabranche zu finden ist. Am 3. September werden wir anhand von Daten zur Verwendungsseite wissen, wohin die erhöhte Produktion abfloss (Inlandkonsum, Exporte, Investitionen oder Lageraufbau). Erst dann lassen sich Qualität und Nachhaltigkeit dieses Wachstumsschubs besser einordnen. Klärungsbedarf besteht beispielsweise zur Frage, ob die hohe Pharmaproduktion ihren Grund in neuerlichen Vorzieheffekten hat, weil Unternehmen Zollmassnahmen durch die USA fürchten. Als gesichert darf aber angenommen werden, dass die Binnenkonjunktur weiterhin durch die expansive Geldpolitik der SNB gestützt ist. Für den Moment veranlassen uns die vorliegenden Daten zu einer markanten Aufwärtsrevision unserer Prognose zum Wachstum für das Gesamtjahr 2026. Das hohe Tempo des zweiten Quartals wird aber nicht aufrechterhalten werden.
Weiter kein Inflationsdruck
Das jüngst gezeigte Wirtschaftswachstum liegt über unserer Schätzung zum Wachstumspotenzial der Schweizer Wirtschaft. Würde sich das Wachstum der Binnennachfrage in diesem Tempo fortsetzen, wären Überhitzungserscheinungen die Folge. In einem solchen Szenario wären Inflationsrisiken in Betracht zu ziehen. Diese erkennen wir jedoch weiterhin nicht. Zweitrundeneffekte in Reaktion auf die höheren Energiepreise bleiben bisher sowohl auf Hersteller- wie auch auf Konsumentenstufe aus.
Geteilte Dynamik
Chinas Wirtschaft bleibt von einer K-förmigen Ent-wicklung geprägt. Während die Produktion im Hightech-Sektor im Juli um knapp 17% zulegte und die Investitionen in Hightech-Branchen in den ersten sieben Monaten des Jahres um 5% stiegen, boomten auch die Exporte. Die Stärke des Technologiesektors reicht jedoch nicht aus, um die Schwäche der übrigen Wirtschaft auszugleichen. Entsprechend enttäuschten die Juli-Daten zu Konsum, Investitionen und Industrieproduktion auf breiter Front. Ein wesentlicher Belastungsfaktor bleibt die anhaltende Korrektur am Immobilienmarkt. Hinzu kommen die Auswirkungen der Ölversorgungsstörungen infolge der Schliessung der Strasse von Hormus, die zu einer geringeren Raffinerieauslastung und rückläufigen Infrastrukturinvestitionen führten. Eine rasche Trendwende erwarten wir nicht und haben deshalb unsere BIP-Wachstumsprognose für dieses Jahr auf 4.5% gesenkt. Dennoch dürften sich einige Schwachstellen allmählich stabilisieren. Seit August hat China die Exportbeschränkungen für raffinierte Ölprodukte gelockert, wodurch sich die Raffinerieproduktion voraussichtlich erholen wird. Zudem treiben die politischen Entscheidungsträger angesichts der schwachen Konjunkturdynamik die Nutzung der verbleibenden fiskalischen Mittel voran, die vor allem für Infrastrukturprojekte eingesetzt werden. Die positiven Effekte dürften ab dem vierten Quartal sichtbar werden.
Disinflationärer Druck bleibt bestehen
Wir haben unsere Inflationsprognose für dieses Jahr auf 0.8% nach unten revidiert. Zwar verfügen einige KI-bezogene Branchen über eine gewisse Preissetzungsmacht, doch sind diese Sektoren zu klein, um den breit angelegten disinflationären Druck infolge der schwachen Binnennachfrage auszugleichen.
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