Stärker denn je sind aktuell die Augen auf die Entwicklungen des US-Dollars gerichtet. Denn: Der US-Dollar ist nach wie vor die wichtigste globale Leitwährung. Im ersten Halbjahr 2025 hat der US-Dollar jedoch stark an Wert verloren. Was bedeutet das für die Weltwirtschaft und für Anlegerinnen und Anleger?
In Teil 1 unserer Serie zum Thema «US-Dollar unter Druck» erklären wir, wie Währungen funktionieren und wie der US-Dollar zur globalen Reservewährung wurde. In Teil 2 erläutern wir, wie das aktuelle System flexibler Wechselkurse funktioniert, was man aus der Zahlungsbilanz der USA über das Angebot und die Nachfrage nach US-Dollar lernen kann und wodurch sie beeinflusst wird. Teil 3 zeigt die aktuellen Entwicklungen des US-Dollars auf, diskutiert, warum die Politik der neuen US-Regierung Druck auf den US-Dollar ausgeübt hat, und erläutert, wie sich Anlegerinnen und Anleger aktuell verhalten sollten. Teil 4 diskutiert abschliessend, wie Anlegerinnen und Anleger strategisch mit Währungsrisiken umgehen sollten. (Teil 4 wird in Kürze auf unsere Website publiziert.)
Das Wichtigste im Überblick
Von Ende 2024 bis Mitte Juli 2025 verlor der US-Dollar gegenüber dem Schweizer Franken mehr als 11,5% an Wert. Der US-Dollar ist damit einer der Hauptleidtragenden der konfrontativen Politik der Regierung Trump.
In einem System flexibler Wechselkurse bestimmt sich der Wert einer Währung durch Angebot und Nachfrage – beeinflusst durch internationale Transaktionen in Handel, Einkommen, Kapital und Investitionen.
Grenzüberschreitende Geldströme, die aus solchen Transaktionen resultieren, werden in der Zahlungsbilanz («Balance of Payments») eines Landes abgebildet. Im Falle der USA lässt sich daraus ableiten, welche wirtschafts- und finanzpolitischen Faktoren Angebot und Nachfrage nach dem US-Dollar verändern.
Die neue US-Regierung hat mit ihrer Politik den Geldabfluss durch ein wachsendes Handelsbilanzdefizit beschleunigt und gleichzeitig die Bereitschaft internationaler Investoren gesenkt, dieses US-Dollar-Angebot durch den Kauf von US-Finanzwerten zu absorbieren. Dieses Missverhältnis hat zu einer deutlichen Abwertung des US-Dollars geführt.
Wir erwarten, dass sich diese Dynamik fortsetzt. Dies muss jedoch nicht negativ sein, im Gegenteil: Ein schwächerer US-Dollar verteuert US-Importe, macht die US-Exportwirtschaft kompetitiver und kann damit das Handelsbilanzdefizit der USA reduzieren, ganz ohne Zölle und Handelshemmnisse, die das globale Wachstum belasten könnten.
Anlegerinnen und Anleger sollten sich von der Schwäche des US-Dollars nicht verunsichern lassen.
Währungen und die besondere Rolle des US-Dollars
Das Konzept von Geld als standardisierte Wertgrösse, die als Zahlungsmittel ausgetauscht werden kann, gehört wohl zu den bedeutendsten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte. Kaum eine andere Erfindung hat den wirtschaftlichen Fortschritt so stark beflügelt: Das Konzept war sogar so erfolgreich, dass viele verschiedene Arten von Geld (also Währungen) eingeführt wurden.
Wie wird der Wert einer Währung festgelegt – und wie entstehen Wechselkurse?
Im ursprünglichen Münzsystem ergab sich der Wert einer Münze durch dessen Metallgehalt. Dieser bestimmte auch den Wechselkurs zwischen verschiedenen Münzen. Dieser Mechanismus blieb lange bestehen, selbst nach der Einführung von Papiergeld. Solange eine Zentralbank garantierte, eine Geldeinheit gegen eine festgelegte Menge an Edelmetall einzutauschen, blieb das Vertrauen in den Wert stabil. Dieses Prinzip war als «Goldstandard» bekannt und wurde von vielen Ländern bis in die 1930er-Jahre hineingenutzt.
Die Bindung von Geld an Gold hatte jedoch einen entscheidenden Nachteil: Die Geldmenge war direkt an die Verfügbarkeit von Gold gebunden und stand damit mit anderen Verwendungszwecken des Edelmetalls in Konkurrenz. In der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre gaben daher die meisten Staaten den «Goldstandard» auf, um flexibler auf wirtschaftliche Turbulenzen reagieren zu können. In der Folge versuchten viele Länder, ihre Wirtschaft durch Abwertungen der eigenen Währung, Zölle und Handelshemmnisse zu stützen, meist auf Kosten ihrer Handelspartner. Diese «Beggar thy neighbour» – Politik war jedoch wenig erfolgreich.
Wie wurde der US-Dollar zur globalen Leitwährung?
Im Jahr 1944 luden daher die Vereinigten Staaten von Amerika Vertreter aller alliierten Staaten zu einer Konferenz nach Bretton Woods ein, um über die Regeln des internationalen Währungssystems nach dem Zweiten Weltkrieg zu beraten. Als nunmehr führende Wirtschaftsmacht verfolgten die Amerikaner ein klares Ziel: Sie wollten freien Handel und freien Kapitalverkehr ermöglichen. Dies jedoch unter der Bedingung fixer Wechselkurse und mit einer zentralen Rolle des US-Dollars als globaler Reservewährung.
Kern des Bretton-Woods-Systems war die Festlegung fixer Wechselkurse aller nationalen Währungen zum US-Dollar. Die Zentralbanken mussten die tatsächlichen Wechselkurse durch Marktintervention in einem Band von ±1% um den Zielwechselkurs halten. Dafür hielten sie Währungsreserven in Form von US-Dollar-Anlagen, die sie bei Bedarf am Markt einsetzen konnten. Diese Dollarreserven konnten sie bei der amerikanischen Zentralbank zu einem fixen Kurs von USD 35 pro Feinunze Gold eintauschen. Während
alle anderen Währungen fix an den Dollar gekoppelt waren, blieb nur der US-Dollar weiterhin direkt an Gold gebunden – allerdings ausschliesslich für den Umtausch durch ausländische Zentralbanken.
Das Bretton-Woods-System etablierte also den USD als die globale Reservewährung und wurde durch neue Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds (IWF) sowie die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (die spätere Weltbank) überwacht und stabilisiert.
Bei Etablierung des Bretton-Woods-Systems waren die USA wirtschaftlich dominierend: Sie verantworteten 50% der weltweiten Industrieproduktion, hielten 50% der weltweiten Währungsreserven in Form von 65% des verfügbaren Goldes und hatten eine positive Handelsbilanz, exportierten also mehr Güter und Dienstleistungen, als sie importierten.
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Der Zusammenbruch des Systems – und der Goldbindung des USD
Ziel der USA war es, mithilfe eines stabilen internationalen Währungssystems den Wiederaufbau und die wirtschaftliche Entwicklung des zerstörten Europas und Japans zu fördern und zugleich neue Absatzmärkte für amerikanische Exporte zu erschliessen. Dafür war es allerdings notwendig, dass die USA den Rest der Welt mit US-Dollar-Liquidität versorgten. Die Amerikaner mussten mehr im Ausland einkaufen und in Dollar bezahlen, als sie selbst exportierten. Die Handelsbilanz musste also negativ werden.
Diese Entwicklung fand tatsächlich statt – doch das System war nicht darauf vorbereitet. Denn ein wachsendes Handelsbilanzdefizit der USA bei gleichzeitigen Wiederaufbauinvestitionen im Ausland hätte eigentlich zu einer Abwertung des US-Dollars führen müssen. Im starren Bretton-Woods-System waren aber
weder die anderen Staaten bereit, ihre Währungen gegenüber dem USD aufzuwerten, noch wollten die USA den Kurs von USD 35 pro Feinunze Gold für den Umtausch von USD-Währungsreserven aufgeben.
Mit der Zeit entstanden dadurch zunehmende Spannungen. Spätestens mit der massiven Ausweitung des US-Staatsdefizits im Zuge des Vietnamkriegs wurde das System instabil. Der Zusammenbruch kam am 15. August 1971 mit dem sogenannten Nixon-Schock: US-Präsident Richard Nixon kündigte die Goldbindung des US-Dollars auf. Der feste Anker des Systems war damit aufgehoben und fast alle Staaten gingen in der Folge zu einem System flexibler Wechselkurse über.
Lesen Sie in Teil 2 mehr dazu, wie Währungskurse funktionieren.
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Dr. Peter Kaste
Chief Investment Officer Swiss Life Wealth Management AG
Dr. Peter Kaste ist Chief Investment Officer bei der Swiss Life Wealth Management AG. Er ist promovierter Physiker, CFA Charterholder, Mitglied der Swiss CFA Society sowie Dozent an der Hochschule Luzern – Wirtschaft. Nach seiner Promotion war Peter Kaste während mehrerer Jahre als Wissenschafter an der École Polytechnique (Paris) sowie der ETH Zürich tätig. Seit 2006 arbeitet er im Asset Management. Von 2008 bis 2023 baute er das Quantitative-Research-Team von Swiss Life Asset Managers auf und leitete dieses. Seit 2024 leitet er als Chief Investment Officer das Investment-Team von Swiss Life Wealth Managers.
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